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Frittierte Gedanken in Beton

April 29, 2018

Einen Monat habe ich als Journalist in Brüssel gelebt und gearbeitet. Ab und an habe ich dazu etwas aufgeschrieben. Manches davon liest du hier. 

 

Ich gehe jeden Morgen zu Fuß. Eine halbe Stunde. 

Es klingt so gesund. Spazieren zur Arbeit. Aber das ist es wohl nicht. Alle Fahrradfahrer, die hier etwas auf sich halten, tragen Bane-artige Masken. Ich höre sie selbst gegen den Straßenlärm schnaufen. Viele schwarze Autos mit silbernen Dachrelings stehen rumpelnd an den Ampeln in der Stadt. Bei Grün rauschen sie um Ecken und über Kreuzungen, prallen erneut auf Stauenden. 

Auf dieser Kreuzung wird zum Feierabend in allen Sprachen gehupt und geflucht. Stumm verwunschen, denn die Wut wird erstickt von der gepolsterten Karosserie, und bleibt Pantomime. 

Ich renne über eine rote Ampel. Ein Kleinwagen hupt mich von der Straße und drückt aufs Gas. 

„Deutscher in Brüssel von Dacia überfahren“ immerhin einen Aufmacher liefere ich in meiner Brüsseler Zeit. Wenn es doch wenigstens ein schwarzer Diplomatenpanzer gewesen wäre. 

 

Der Place du Luxembourg ist ein Bienenschwarm am Donnerstagabend. Die Abgeordneten reisen zurück in ihre Wahlkreise und die Assistenten, Praktikanten, Referenten genießen das.

Der Sekt am Lux verklebt mir den Kopf. Es ist happy Hour und wir bekommen zwei Flaschen Sekt zum Preis einer. Junge Jungs tragen zum ersten Mal Anzüge. Vier Soldaten mit Maschinengewehren passen auf das nichts passiert. Und es passiert auch nichts. 

 

Wir kaufen einen Sack in papiergepackte Pommes. Doppeltfritiert, mit rosa Saucen und Plastikpiekern. Angela Merkel hat hier einmal Pommes gegessen. Das erzählt sich jeder gegenseitig, der hier ansteht. Deswegen sollen das die besten belgischen Pommes sein. Als wäre Frau Merkel ein Garant für guten Geschmack. Die Pommes schmecken okay, zu den massiven Tulpen Bier schmecken sie fantastisch und ich giere sie alle. Der Abend endet mit einer frierenden Zigarette vor der Tür und dem Auftrag am Morgen nach Amsterdam zu fahren, um dabei zuzusehen, wie ein Deich bricht. 

 

Die Niederländer sind die Weltmeister im Wasserbau. Keiner konstruiert so clever Dämme und Deiche, Wehre und Brücken. Sie tun das nicht aus Leidenschaft, sondern aus Angst vor dem Untergang. Nur so können sie Hochwasser und Sturmfluten trotzen. 

 

Der Ausgangspunkt dieses Innovationswillens ist ein Trauma. Im Jahr 1953 überspült eine Springflut weite Teile der niederländischen Küste. Dämme werden durchbrochen, Deiche überspült. Rund 2000 Menschen sterben.

 

Seitdem bauen die Holländer Wände gegen das Wasser - oder besser mit dem Wasser. Sie lassen das Meer kontrolliert in ihr Land, bevor das Meer sich das Land mit Gewalt nimmt. Eine Mauer muss es trotzdem geben. Diese Mauer ist 1100 Meter lang - und sie muss erneuert werden. Um zu prüfen, wie sie diesen Damm am klügsten konstruieren, machen die holländischen Forscher ein Experiment. Ziel des Experiments ist, dass der Damm bricht. Herauszufinden, wie lang er er dem Druck standhält. Ich fühle ihn.

 

Ich fahre mit Romain und Lisa nach Holland. Genauer nach Eemdijk bei Hilversum. Dort findet das Experiment statt und ich soll es mir mal anschauen. Wir essen frittierten Fisch mit Mayo an einem Hafen und fahren dann zu der Baustelle. Alle tragen Gummistiefel oder Arbeitsschuhe, ich trage weiße Sneaker, eine hellgraue Stoffhose und einen beigen Mantel. Alle sprechen Niederländisch - außer mir. Ich sinke in den Matsch und friere bis zur Heimfahrt.

 

Sonntag ist Markttag. Zur ausgeschlafenen Mittagszeit nehmen Flore und John mich mit zum Wochenend-Markt in Molenbeek. Es wird geschoben und geschrieen. Massen an Menschen und Massen an Obst und Gemüse. Man könnte die ganze Welt hier ernähren, aber es scheint auch als käme die ganze Welt her - zumindest zum probieren. Die Verkäufer schneiden mir Stücke aus den Früchten in ihren Händen. Ich esse Oliven, Orangen und Avocados. Zu den Gemüsebergen gibt auch alles andere. Teppiche und Waschmittel, Werkzeuge, Fahrräder, Fasanen und Papageien, Jogginghosen, Schuhe und Kopfhörer. Alles kostet nichts. Flore und John kaufen sich ihre Rucksäcke voll. Ich kaufe lediglich eine Tüte Chilliflocken. Ich fahre am nächsten Tag nach Straßburg, all das Obst, es würde faulen.

 

Ich bin auf einer Veranstaltung der SPD in einem italienischen Restaurant. Es wird gegessen, dann gibt es einen Vortrag, dann wird gegessen, dann gibt es einen Vortrag. Ich glaube, die meisten Anwesenden würden sich die Vorträge gerne sparen. Eine Frau nickt im Sekundentakt ein, schreckt hoch, kippt ein Glas Sekt und ein ihren Rest Wein hinunter und schläft wieder kurz ein. Ich versuche zuzuhören. „Sie wissen, wovon ich rede.“ Ich weiß es nicht und stelle am Ende eine Frage. Sie wird nicht beantwortet. Ich stelle sie erneut. Sie wird wieder nicht beantwortet. Ich frage die Bedienung nach Weißwein. Er schmeckt nach Honig. 

 

Meine Mutter hat immer gesagt: „Der Thalys ist ein schöner Zug - so elegant.“

Ich sitze auf den roten Polstern. Der Sitz meines Nachbarns wird von einem Brot reserviert. Dem Geruch, der sich durch den ganzen Wagen ausbreitet, nach zu urteilen, Thunfisch. Der Mann auf der anderen Seite des Ganges schneidet sich  die Fingernägel. Das scheint normal für ihn. Mit solch einer offensichtlichen Akribie geht er vor. Vielleicht stand er gestern noch im Bad, prüfte seine Nägellänge, überlegte sie zu knipsen und entschied dann: „Ach nein, ich sitze ja morgen im Zug, die perfekte Gelegenheit meine Krallen zu stutzen“. „Krallen stutzen“ Er sieht, in seiner grünen Cordhose aus, wie jemand, der das sagen würde.

 

Die Menschen haben zu große Köpfe und zu wenig Zeit. Sie tragen teure Uhren am Handgelenk, aber für die Uhrzeit schauen sie zu ihren Assistenten. Sie sind Kalender in schlecht sitzenden Anzügen und manchmal auch in gut sitzenden Anzügen. 

Man trifft sich in Cafés. Zu Hintergrundgesprächen. Der Hintergrund davon ist Espresso zu bestellen, den man zuckert und rührt, aber nicht trinkt. Ein Abgeordneter aus Großbritannien, ein Tory, sagt:

„Alles, was ich vorausgesagt habe, ist eingetreten.“

Und ich glaube, jeder der über diese Gänge spaziert, würde das sagen. 

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